071_Trennung / Scheidung - Fokus Kids & Teens - zu beachten: Emotionale Perspektive (Special Guest: Björn Nickel)

1. November 2025

071_Trennung / Scheidung - Fokus Kids & Teens - zu beachten: Emotionale Perspektive (Special Guest: Björn Nickel)

Hallo und herzlich Willkommen,

 

 

heute bin ich nicht alleine, sondern habe einen Gesprächspartner mit an Bord: Björn. Björn coacht Eltern bei Trennung und Scheidung. Ich selbst war vor Kurzem auf Björns YouTube-Kanal als Interview-Gast eingeladen. Und da sich Björns und meine Arbeit perfekt ergänzen, ist er heute in meinem Podcast und Blog zu Gast.

Eine Anmerkung zu diesem Interview: Die Basis ist die Podcastfolge. Für den Blog habe ich das Interview einfach transkribiert.

Zusätzlich habe ich im Vorfeld auch euch als Community gefragt, welche Themen euch im Zuge von Trennung und Scheidung interessieren. Diese Fragen und Themen habe ich in den Gesprächsfluss einfließen lassen. Generell ist es weniger ein Interview geworden, sondern einfach ein Gesprächsverlauf im Flow.

Also hier das Transkript:


Vorstellung: Björn und das „Team Eltern“

Ich: Hallo Björn, schön, dass du da bist. Stell dich doch gern einfach kurz vor.


Björn: Ja, danke, dass ich heute hier sein darf. Vielleicht noch ganz kurz dazu: Trennung und Scheidung passieren manchmal sehr geplant und manchmal sehr spontan, und es sind immer sehr, sehr schwierige Lebenslagen. Speziell, wenn Eltern dabei sind, also wenn sich Eltern trennen, es gibt ja Paare ohne Kinder und Paare mit Kindern, und ich habe mich auf Eltern spezialisiert, die sich trennen.

Und warum habe ich das gemacht? Ich habe zwei Kinder und habe mich vor mittlerweile neun Jahren auch von meiner Exfrau getrennt. Wir haben den ganzen Scheidungsprozess durchlebt, und dabei habe ich so viele Seiten an mir selbst kennengelernt, aber auch an dem ganzen System, das da drumherum ist, dass das immer wieder zum Thema wurde und ich mein ganzes Coaching-Business, das ich schon hatte, in Richtung Eltern verfeinert habe. Heute helfe ich Eltern, besser mit der Situation umzugehen, die Kinder besser zu verstehen, die Kinder mit in Entscheidungen einzubeziehen und sie nicht aus dem Blick zu verlieren.

Es gibt da ganz verschiedene Möglichkeiten, und mein Fokus liegt sehr stark auf dem Kindeswohl. Dafür habe ich das Team Eltern gegründet. Ich nenne das Team Eltern, und darum dreht sich alles während der Trennung und der Scheidung. Und da gibt es im Endeffekt unsere Schnittmenge, denn wir beide haben den Fokus auf den Kids und Teens.

Die Studie mit Jugendlichen: Was hättet ihr euch anders gewünscht?

Ich: Dann erzähl mal ein bisschen, denn das fand ich ganz interessant, als du mir über LinkedIn geschrieben hast, dass du eine Studie mit Jugendlichen gemacht hast, und zwar mit 50 Teenies, glaube ich. Du hast sie gefragt: „Was hättet ihr euch anders gewünscht während der Trennung beziehungsweise Scheidung eurer Eltern?“ Das finde ich immer wichtige Punkte, denn im Jetzt kann man schon einiges gestalten, aber es ist noch mal interessant, die Perspektive der Kinder und Jugendlichen zu hören: Was hätte denn anders laufen sollen? Ich bin ja selbst auf eine gewisse Art und Weise Scheidungs„kind“. Ich war schon erwachsen, als meine Eltern, beziehungsweise unsere Eltern, sich getrennt haben, aber deshalb finde ich das gerade auch einen wertvollen und wichtigen Aspekt. Wenn du da mal kurz ein paar Einblicke geben könntest, wäre das sicher interessant.


Björn: Ja, sehr, sehr gern. Ich habe diese selbstgemachte Studie letztes Jahr, 2024, ungefähr in der Mitte des Jahres gestartet. Mittlerweile habe ich über 50 Jugendliche interviewt, 50 war mein Ziel. Ich habe die Studie gestartet, um für mich ein besseres Gefühl zu bekommen, was die Kinder tatsächlich brauchen. Ich habe viel Literatur gelesen, ich habe aus eigener Betroffenheit mit meinen Kindern gesprochen, aber auch mit Kindern im Bekanntenkreis, und habe gemerkt: Da gibt es so unterschiedliche Aussagen, auch altersspezifische Aussagen, dass ich gesagt habe, ich will das gern ein bisschen genauer wissen, damit ich den Eltern, mit denen ich zusammenarbeite, noch genauere Hilfestellungen und Anregungen geben kann.

Dann habe ich überlegt: Mit welchen Kindern kann ich sprechen, wie reflektiert sind die schon? Meine Altersgruppe war zwischen 14 und 19 Jahre alt. Ich habe sehr, sehr viele Klienten aus der Vergangenheit, bei denen ich weiß, wie alt die Kinder sind, und die habe ich systematisch kontaktiert und gefragt: „Darf ich mit euren Kindern sprechen?“ Ich habe ihnen den Fragebogen gezeigt, und bei denen, die zugestimmt haben, habe ich dann mit den Kindern entweder einen Zoom-Call gemacht, so wie wir jetzt, oder telefoniert.

Spannend war: Im Gespräch war sehr deutlich herauszuhören, dass die älteren Kinder, also 16, 17, 18, mit 18 ist man ja schon volljährig, also junge Erwachsene sozusagen, sehr, sehr konkret sagen konnten, was sie wollen, was sie stört, was sie besser machen würden und welche Ratschläge sie vor allem anderen Eltern mitgeben würden. Das war für mich total erhellend. Ich arbeite in der Elternarbeit ja nur mit den Eltern, nicht mit den Kindern, ich spreche ausschließlich mit den Eltern, weil ich der Meinung bin: Wenn es den Eltern gut geht, wenn sie stabil sind und ein gesundes Umfeld schaffen, dann kann es auch den Kindern gut gehen. Dann bieten sie den Kindern einen guten Rahmen, in dieser Situation mitzugehen, mitzuschwimmen und mitzugestalten. Deshalb ist mein Fokus ganz stark auf den Eltern, und deshalb finde ich deine Ergänzung als Kinder- und Jugendcoach super wertvoll, weil du für die Kinder und Jugendlichen da bist, ihre Stimme hörst und mit ihnen ins Gespräch gehst. Da haben wir eine wunderbare Ergänzung im gesamten Kontext.

Ich habe den Kindern ganz systematisch sehr viele Fragen mit dem Fragebogen gestellt. Ich habe früher auch mal in einem Marktforschungsinstitut gearbeitet, deshalb war es für mich sehr einfach, so einen Fragebogen nicht nur zu erstellen, sondern auch systematisch abzufragen. Zwei wesentliche Punkte stachen aus der Menge heraus, bei denen viele Kinder und Jugendliche der gleichen Meinung waren. Die habe ich mir herausgeschrieben. Der erste: 75 Prozent aller Befragten zwischen 14 und 19 haben gesagt, sie wollen bei den Entscheidungen, die die Eltern treffen, einbezogen werden. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil die allermeisten Eltern die Kinder nicht in Entscheidungen einbeziehen. Gerade bei Trennungen stellen sie die Kinder bei neuen Wohnräumen, neuen Familienangehörigen vielleicht oder neuen Reisewegen einfach vor vollendete Tatsachen. Die Kinder werden in einem Gespräch informiert, und da wird dann gesagt: „So und so ist es.“ Dann kriegen sie große Augen, sind frustriert und verärgert, weil sie einfach nicht gefragt wurden. In der Befragung war sehr deutlich, dass drei Viertel der Kinder gesagt haben, dass sie gern in die Entscheidung einbezogen werden möchten. In erster Linie ging es um die Wohnortentscheidung, also wo der neue Wohnort, das neue Haus, die neue Wohnung ist, weil damit auch zusammenhängt, wo mein Freundeskreis ist. Das war die erste genannte Abhängigkeit. Und wie weit ist es zur Schule? Muss ich jetzt 5, 15 oder 45 Minuten fahren? Das hat einen riesigen Einfluss, und das schlägt alles aufs Gemüt der Kinder.

Das wirst du wahrscheinlich auch in deiner Arbeit merken, dass vielleicht mal Sachen kommen wie: „Oh, ich habe so einen langen Schulweg, der ist so stressig“, oder „Ich muss mir mein Zimmer mit meiner Schwester oder meinem Bruder teilen.“ Das sind alles Faktoren, die den Jugendlichen Stress machen. Ich sage ganz bewusst Jugendlichen, weil du ab 14 im Teenageralter deutlich drin bist und dann einfach viel mehr checkst, was los ist.

Wenn ich ein sechsjähriges Kind zum Beispiel fragen würde, was es sich bei den Entscheidungen seiner Eltern gewünscht hätte, würde es mir eine ganz andere Antwort geben, weil es viel mehr mit den Eltern verbunden ist. Es läuft ihnen viel stärker nach und verlässt sich sehr stark auf die Entscheidung der Eltern. Deshalb ist es noch mal wichtig zu betonen: Zwischen 14 und 19 ist die Altersgruppe, die sich viel, viel mehr Entscheidungsmitsprache wünscht.


Kinder einbeziehen: Wie führt man das Gespräch?

Ich: Ja, gut, ist ja auch klar. Wie du auch gesagt hast, sie sind in ihrer gewohnten Umgebung. Klar, Freunde sind immer wichtig, aber da werden die Freunde noch wichtiger. Die Eltern haben eigentlich die Aufgabe loszulassen. Das ist die Hauptaufgabe der Eltern im Jugendalter, und natürlich auch, da zu sein und präsent zu sein und so weiter. Aber logisch, dann wollen sie in die Entscheidungen einbezogen werden.


Björn: Ja, voll. Und spannend ist, dass ich das sehr unterschiedlich erlebe. Vielleicht hast du da auch eine Idee oder eine Erfahrung, wie die Gespräche zustande kommen. Ich werde oft von Eltern gefragt, wenn ich ihnen sage: „Achtet bitte darauf, dass ihr eure Kinder mitnehmt und sie informiert“, wie sie das machen sollen. Sollen wir alle zusammen an einen Tisch setzen? Sollen wir sie beim Spazierengehen informieren? Was ist eine gute Variante? Da habe ich noch kein so umfangreiches Bild und kein so gutes Gefühl von den Kindern und Jugendlichen bekommen. Ich denke, dass es sehr unterschiedlich ist, aber vielleicht die Frage an dich: Hast du da Impulse, wo du sagst, das können die Kinder gut vertragen?


Ich: Ich glaube, wenn es mehrere Kinder sind, ist es schon wichtig, dass man sich tatsächlich an einen Tisch setzt, damit jedes Kind gleichzeitig informiert ist. Dazu würde ich dann aber auch noch eine andere Frage an dich stellen, und die vollende ich gleich, denn das frage ich mich nämlich: Ab wann sollen Eltern wirklich mit ihren Kindern darüber reden? Wenn die Entscheidung quasi schon getroffen ist? Kinder spüren das ja auf eine gewisse Art und Weise selbst. Das kann ich zum Beispiel von mir und meinem Bruder sagen: Wir haben das sehr lange gespürt, und als unsere Eltern es uns gesagt haben, war es eher so: „Zum Glück.“

Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: Wenn es Entscheidungen sind, die die komplette Familie betreffen, würde ich immer alle an einen Tisch empfehlen, also als gesamte Familie zusammenkommen und darüber sprechen. Klar, es kann sein, dass ein Kind in dem Moment komplett geschockt ist, vom Tisch aufsteht, wegrennt und sagt: „Lass mich in Ruhe.“ Dann braucht dieses Kind in dem Moment diesen Rahmen und diesen Zeitraum. Das kann natürlich die Reaktion sein, aber jetzt separat auf jedes Kind zuzugehen und zu sagen: „Hör mal, so und so sieht es aus“, würde ich in dem Fall nicht empfehlen, weil es eine Situation ist, die alle betrifft.

Wenn es nur mit einem Kind eine Herausforderung gibt, wie zum Beispiel im Coaching von Kindern und Jugendlichen, wenn die Eltern sagen: „Hey, wir merken, das würde dir guttun“, dann würde ich natürlich separat mit diesem Kind sprechen. Aber bei Entscheidungen, die alle betreffen, würde ich als ersten Ansatz definitiv alle an einen Tisch empfehlen und dann schauen, wie sie reagieren, und offen sein als Eltern. Man kennt ja seine Kinder und kann einschätzen, wie sie generell auf Herausforderungen reagieren. Dem Kind den Raum lassen und dann noch mal separat mit dem Kind ins Gespräch gehen, das vielleicht in Tränen ausgebrochen ist.

Auf der anderen Seite wäre die Frage von mir an dich: Wie früh redet man wirklich mit den Kindern darüber? Denn dann kann man solche Situationen, dass es in Tränen ausbricht, und diese krassen Schockmomente auch vermeiden. Kinder spüren das doch sowieso, und da spreche ich wirklich aus eigener Erfahrung: Für uns war es damals eher eine Erlösung. Gut, wir waren natürlich auch in dem Alter, in dem klar war, dass wir bei der Mama bleiben. Ich hatte gerade Abi gemacht, mein Bruder war in der Ausbildung und so weiter. Das ist noch mal ein ganz anderes Alter, aber gespürt haben wir es über diese Zeit schon.

Was man außerdem nicht außer Acht lassen darf: Bei uns war es auch eine finanzielle Frage. Kann man sich eine Trennung oder eine Scheidung leisten, oder wie geht das dann weiter? Als meine Eltern sich getrennt haben, war das 2008 oder 2009. Wir reden da also natürlich über eine andere Zeitqualität, aber das waren Fragen, die sich zum Beispiel schon meine Mama gestellt hat, und das spürt man auf eine gewisse Art und Weise als Kind. Die Eltern haben aber auch nicht wirklich diesen Mut. Und das ist auch die Frage: Ab wann rede ich wirklich mit meinem Kind darüber? Es gibt ja auch Situationen, in denen man sich einfach „zofft“ und Herausforderungen hat. Das gibt es ja überall, aber das heißt nicht gleich, dass man sich trennt.

Das empfinde ich eher als Challenge. Was gibst du da immer mit? Oder sind die Eltern, wenn sie zu dir kommen, eh schon an dem Punkt und sagen: „Hey, wir haben uns eh schon entschieden, wir wollen uns trennen oder scheiden lassen“? Oder wie funktioniert das?


Der richtige Zeitpunkt: Klarheit, Raum und keine Show

Björn: Der Zeitpunkt, an dem ich mit Eltern zusammenarbeite, ist unterschiedlich. Manche sind in der Planung, teilweise kommt auch nur ein Elternteil zu mir und sagt: „Hey, für mich ist die Sache durch. Ich will mich trennen. Wie mache ich das am besten?“ Oder es kommen beide zu mir und sagen: „Wir haben erkannt, dass wir uns gern trennen wollen, aber wir wollen weiterhin als Team Eltern für unser Kind da sein.“ Die kommen dann zu einem frühen Zeitpunkt zu mir, an dem die Kinder in der Regel noch nichts wissen. Manchmal wissen sie es auch schon. Es ist wirklich sehr unterschiedlich. Was ich sagen kann: Der Zeitpunkt, wann du das deinen Kindern als Elternteil sagst, ist schon entscheidend dafür, wie sich das Kind fühlt, denn du hast es gerade schon angesprochen: Du hast es damals schon so ein bisschen geahnt.

Es gibt zwei Merkmale, die ganz wichtig sind, wenn du mit deinen Kindern redest. Das erste ist Klarheit, und zwar innere Klarheit. Wenn die Eltern für sich innerlich klar sind, was sie wollen und was geschieht, dann merken das die Kinder, und es entsteht eine Form von Sicherheit. Und wenn sie es auch noch artikulieren können und sagen können: „Pass auf, innerhalb der nächsten zwei Monate werden wir uns auch räumlich trennen. Wir haben uns schon getrennt, das weißt du vielleicht. Und wir werden uns jetzt räumlich trennen und suchen gerade neue Wohnungen.“ Das ist eine Klarheit, die Eltern schon kommunizieren können. Das ist der erste Punkt: Klarheit.

Der zweite Punkt ist, den Raum zu bieten, den du vorhin schon angesprochen hast: Raum für die Gefühle, für die Ängste, für Zweifel, auch für Gespräche, und das Kind immer zu fragen: „Wie geht es dir damit? Brauchst du gerade etwas? Können wir irgendetwas tun? Wollen wir noch mal darüber reden?“ Diesen Raum immer wieder offen zu halten. Das sind die beiden wichtigen Merkmale, auf die Eltern achten dürfen, um den Zeitpunkt daran festzumachen.

Hast du jetzt gerade die Klarheit? Dann, let’s go: Rede mit dem Kind. Hast du das Bewusstsein für den Raum, kannst du den Raum halten? Dann, let’s go: Rede mit dem Kind. Und je eher, desto besser, denn Kinder spüren das. Kinder merken das.

Der zweite wichtige Punkt, der aus der Studie hervorgegangen ist: Fast drei Viertel, ich glaube, es waren 71 Prozent, haben einheitlich gesagt: „Ey, die Eltern sollen keine Show machen. Wir wissen eh schon, was los ist.“ Die Eltern denken oft, sie müssten ihren Kindern erst mal alles verheimlichen und noch nicht darüber reden, leben aber vielleicht schon ihr neues Leben, haben vielleicht schon einen neuen Partner oder eine neue Partnerin, schlafen woanders und so weiter, haben den Kindern aber immer noch nicht gesagt, was wirklich los ist. Das ist für die Kinder richtig kacke. Das finden sie total doof, das habe ich in den Interviews herausgehört. Sie kommen sich veräppelt vor und nicht ernst genommen, denn die Eltern denken, dass sie nichts mitbekommen, obwohl sie schon alles mitbekommen. Das fühlt sich einfach nicht gut an, das sägt auch am Vertrauensverhältnis. Sobald es für die Eltern klar ist und sie kommunizieren können, was passiert, sollten sie wirklich mit den Kindern sprechen. Es können ja die verschiedensten Szenarien passieren, aber sobald etwas klar ist: mit den Kindern sprechen.


Schuldgefühle, Vorbild und Patchwork

Ich: Ja, das ist wichtig. Die Kinder fühlen sich sonst veräppelt. Gleichzeitig denken die Kinder manchmal vielleicht auch: Bin ich schuld? Ist etwas an mir? Kann ich meinem Gefühl vielleicht auch nicht wirklich vertrauen, weil ich irgendwie schon etwas wahrnehme, aber meine Eltern ja auf eine gewisse Art und Weise Vorbild für mich sind? Und das sage ich auch immer: Man lebt den Kindern ja auch vor, wie Partnerschaft funktioniert. Dann darf man sich fragen: Will ich das so meinem Kind vorleben? Was will ich für mein Kind? Das sind so Punkte. Und klar, wenn man schon neue Partner hat und so weiter, dann kommen noch mal ganz andere Ängste. Das erlebe ich tatsächlich öfter im Coaching: Wenn die Eltern schon getrennt sind und nach einiger Zeit neue Partner kommen, dann kommen Gedanken wie: „Mag mich mein Papa jetzt noch? Mag mich meine Mama noch? Was ist jetzt mit den Bonuskindern?“ und so weiter. Das sind noch mal ganz andere Herausforderungen, die im Rahmen von Patchwork kommen.


Was Eltern tun können: Selbstfürsorge und Verantwortung

Björn: Ja, da passiert eine ganze Menge. Und das Wichtigste, was Eltern tun können, ist, sich damit zu beschäftigen, also sich zu informieren, sich zu belesen, mit anderen Eltern zu sprechen, mit Menschen wie dir und mir zu sprechen und sich Rat und Unterstützung zu holen. Das ist das Beste, was sie tun können. Ich finde, es gibt zwei Dinge, die für die Eltern extrem wichtig sind. Das eine Thema ist die Selbstfürsorge, also für sich selbst Stabilität herzustellen und sich selbst zu pflegen, sodass es mir gut geht. Das steht an erster Stelle, so ein bisschen wie im Flugzeug: Wenn die Atemmasken aufgesetzt werden sollen, soll man bitte immer zuerst sich selbst die Atemmaske aufsetzen und dann erst dem Sitznachbarn. Das ist bei der Selbstfürsorge ähnlich: Ich sorge für mich selbst, und dann kann ich auch für die anderen gut sorgen.

Das ist der zweite wichtige Schritt: Ich mache mir Gedanken, wer noch involviert ist. Natürlich ist mein Expartner oder meine Expartnerin involviert, aber wer ist darüber hinaus involviert? Diese Menschen und in dem Fall die Kinder wirklich mitzunehmen und bei allen Entscheidungen mitzudenken, das ist auch Verantwortung übernehmen. Ich merke, es gibt Eltern, die haben das auf dem Schirm, aber die sind nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Die lassen das einfach laufen und gucken mal, was passiert, und denken sich: Ach ja, das Kind wird schon irgendwie mitziehen, ist ja noch ein Kind und kann sich schnell anpassen. Das ist dann gefährlich, weil sie dann nicht mehr die Steuerung in der Hand haben. Sie geben sie ab und gucken, was passiert. An der Stelle wirklich Verantwortung zu übernehmen und zu sagen: „Hey, ich rede mit allen, ich kläre das, ich suche nach Lösungen, und dann geht es weiter.“ Das sind manchmal sehr schwierige Phasen, die auch viel Mut erfordern, aber es lohnt sich, das kann ich sagen. Die Kinder, die einen guten Bezug zu ihren Eltern haben, bei denen die Eltern während der Trennung transparent Klarheit geschaffen haben, sind auch gut durch die Trennung gegangen. Sie haben danach ein gutes Gefühl, fühlen sich immer noch leicht und in ihrer Entwicklung bestärkt, und das macht absolut Sinn.


Schule und Noten: Was eine Trennung mit der Konzentration macht

Ich: Ja, und ich glaube, es ist für den ersten Moment vielleicht leichter zu denken: „Das Kind läuft schon irgendwie mit.“ Aber ganz ehrlich, dann wirkt es sich auf andere Lebensbereiche aus, zum Beispiel auf die Schule. Selbst wenn es sich vielleicht nicht in der Eltern-Kind-Beziehung auswirkt, wirkt es sich in etwas anderem aus, weil das Kind sich nicht mehr gesehen, nicht mehr wertgeschätzt und nicht mehr einbezogen fühlt. Logischerweise beschäftigt das das Kind, wenn auch vielleicht nur unterbewusst. Es kann sich dann weniger konzentrieren und fokussieren, und in anderen Bereichen kann es dann herausfordernd werden.


Björn: Ja, ganz wichtiger Punkt. Die schulischen Leistungen sind auch immer ein Gesprächsthema, dass die Eltern sagen: „Mein Kind ist jetzt im Durchschnitt eine Note schlechter geworden.“ Dann sage ich den Eltern: Das ist okay, es ist gerade eine besondere Zeit. Dein Kind ist auch unsicher, wie du gerade gesagt hast, ist mit den Gedanken beschäftigt, und dann hat es in diesem Schuljahr halt einen anderen Notendurchschnitt. Das ist okay. Manche Kinder wiederholen auch das Schuljahr, das ist auch okay. Das Wichtigste ist, dass es der Seele gut geht, dass es dem Kind im Kern gut geht und dass es möglichst wenig oder gar keinen Schaden in dem ganzen Prozess nimmt.


Ich: Ja, und gleichzeitig kann man es auch als Chance sehen. Die Noten müssen ja gar nicht schlechter werden, sondern man kann es als Veränderung sehen. Selbst eine Veränderung ist okay, und es heißt ja nicht, dass, wenn im Leben etwas passiert, deshalb etwas anderes schlechter wird. Es ist einfach diese Veränderung. Und das ist auch da, wo wir gemerkt haben, dass sich unsere Arbeit super ergänzt. Das Leben besteht ja aus Veränderungen, und das Leben besteht auch aus Loslassen.


Veränderung vorleben und Resilienz stärken

Björn: Und man sieht auch, dass es einem trotzdem gut gehen kann, auch wenn diese Situation da war. Genau, das ist es: Du lebst es vor. Du zeigst deinem Kind: „Es passiert eine Veränderung. Mama und Papa haben sich dazu entschieden, sich zu trennen, weil es vielleicht auch entspannter und besser für alle ist, weil wir uns sonst so viel streiten.“ Und wie gehen wir mit dieser Veränderung um? Wir schauen sie uns an, wir schaffen Klarheit, wir kommunizieren gut, wir sind respektvoll miteinander, wir finden Lösungen, und dann geht es weiter. Wenn du diese Message deinem Kind mitgibst, hast du einen super starken Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, denn, wie du gerade sagst, das Kind erinnert sich dann auch daran, wenn es selbst mal in die Situation kommt, dass Partnerschaften sich verändern.


Ich: Definitiv. Und ich kann heute ganz ehrlich sagen: In dem Moment war es heftig, aber für uns war es damals eine Erlösung. Ich habe einen Stiefpapa und eine Stiefmama und verstehe mich sowohl mit meiner Mama und meinem Papa als auch mit Stiefmama und Stiefpapa. Das Leben ist Veränderung, und man macht einfach das Beste daraus, würde ich sagen. Das Wichtigste ist zu sagen: Man hat selbst noch die Macht und ist nicht hilflos etwas ausgeliefert. Ich glaube, das ist das Wichtigste. Da lernt das Kind auch Resilienz, mentale Widerstandsfähigkeit, wie es mit Herausforderungen umgeht und so weiter und so fort.


Emotionen Raum geben

Björn: Und ganz wichtig finde ich auch: Wir kommen langsam in eine Generation von Eltern, die mit ihren eigenen Emotionen, aber auch mit den Emotionen der Kinder besser umgehen können. Ich erlebe da zwei Stufen. Je älter die Eltern sind, und das ist eine pauschale Aussage, desto schwieriger können sie mit ihren eigenen Emotionen und auch mit den Emotionen der Kinder umgehen. Emotionen wollen bewegt werden, sie wollen raus, sie wollen gesehen und gehört werden. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in der Arbeit mit sich selbst und auch mit seinen Kindern: diesen Emotionen Raum zu geben und den Raum für die Kinder da sein zu lassen. Wenn die Kinder traurig sind und weinen, nicht zu sagen: „Hör auf zu heulen“ oder „Ach komm, ist doch nicht so schlimm, brauchst nicht traurig zu sein“, sondern auch reinzugehen und zu sagen: „Hey, erzähl, was bedrückt dich? Was kann ich vielleicht gerade für dich tun?“


Ich: Ja, genau, das ist ganz wichtig. Das ist ja auch dieser gesellschaftliche Wandel, den man wahrnimmt: Der Mensch steht noch mehr im Mittelpunkt mit dem, was ihn beschäftigt und bewegt, und weniger dieses „Ach, mach doch weiter, ist nicht so schlimm“ wie früher. Ich glaube, das ist natürlich auch ein Punkt, dass man sich in Beziehungen noch mehr hinterfragt. Wenn man sich selbst und seine Emotionen nicht wirklich spürt, sich auch keinen Raum gibt und nur „funktioniert“, dann hinterfragt man viele Dinge nicht und macht viele Dinge, obwohl es einem vielleicht gar nicht mehr guttut. Das kann ein Grund sein. Auf der anderen Seite geht man dann auch in die nächste Partnerschaft viel bewusster und weiß, was man will und was nicht, wie es einem geht und wie es sich anfühlt, wenn es einem gut geht, weil man sich selbst wieder spürt.


Björn: Ja, genau. Es lohnt sich auf jeden Fall, sich mit sich selbst zu beschäftigen und auch mit seinen Liebsten in diesem ganzen Kontext. Das ist ohnehin die Zeit der Veränderung. Du bist schon mittendrin, der ganze Prozess ist aufregend, schmerzhaft und unsicher, und dann kannst du dich auch genau mit Dingen beschäftigen und sie auflösen. Das ist das Positive an Trennungen: dass du bestimmte Altlasten, die du vielleicht ein Leben lang schon mit dir herumträgst, auflösen kannst.


Abschlussbotschaften

Ich: Ja, wenn sie dir bewusst werden, wenn du sie dir anschaust, wenn du dir Gedanken machst, wie du besser damit umgehen kannst, und sie nicht wieder in die nächste Partnerschaft mitnimmst. Definitiv.

Alright, wir sind jetzt schon ziemlich am Ende, denn ich habe immer gesagt, meine Podcastfolgen gehen maximal 30 Minuten. Björn, hast du noch eine Botschaft, die du mitgeben möchtest?


Björn: Ja, für die Eltern würde ich gern mitgeben: Seid liebevoll zu euch selbst. Ich erlebe ganz oft, dass Eltern viel zu perfektionistisch an sich arbeiten, um alles möglichst gut zu machen. Da würde ich sagen: Entspannt euch ein bisschen, seid liebevoll zu euch selbst, und aus dieser Entspannung heraus werden sich die nächsten Schritte besser gehen lassen. Das ist für die Eltern. Und für die Kinder, falls Kinder oder Jugendliche das hier hören: Artikuliert euch, sagt euren Eltern klar, ruhig und deutlich, was ihr gerade braucht und was ihr euch in der Situation wünscht, und wiederholt es auch ruhig einmal. Denn die Eltern sind in so einer aufregenden Zeit, dass manche Worte gar nicht in den Kopf eindringen. Sie hören das zwar, aber es kommt nicht an. Da auch ruhig mal wiederholen und immer wieder sagen, wie es euch geht und was ihr gerade braucht.


Ich: Ja, wunderschön. Dankeschön, dass du da warst. Dankeschön, dass ich hier sein darf.


Weitere Informationen

Alle Infos zu Björn gibt es hier: paar-leben.de


Ich hoffe es waren für dich ein paar interessante Impulse dabei.

Wenn du spürst, dass dieser Blogbeitrag für jemand anderen wichtig ist, dann teile ihn gerne mit der Person.


Und jetzt: Alles Liebe und happy day,

deine

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